Vor Ort verwurzelt. Europa im Blick.
Es gibt diese eigentümliche Vorstellung, dass man sich entscheiden müsse: regional oder international. Heimat oder Europa. Kleine Strukturen oder große Visionen.
Ich glaube, das Gegenteil ist richtig.
Europa wird nicht stark, indem Regionen ihre Eigenheiten verlieren. Europa wird stark, wenn Regionen wissen, was sie können.
Wenn Unternehmen vor Ort Verantwortung übernehmen. Wenn Menschen gründen. Wenn Wissen bleibt. Wenn junge Menschen Perspektiven sehen. Wenn Kommunen, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft nicht nebeneinanderher arbeiten, sondern miteinander. Unsere Powerregionen-Kernbotschaft dazu: Deine Region das bist du!

Das ist für mich Regionalentwicklung.
Nicht die möglichst hübsche Vermarktung einer Landschaft. Das auch, aber nicht nur. Sondern die Frage: Was hält eine Region wirtschaftlich und gesellschaftlich lebendig?
Oft sind es Unternehmen, die seit Jahrzehnten Arbeitsplätze schaffen. Handwerksbetriebe, die ausbilden. Mittelständler, die exportieren. Gründerinnen und Gründer, die etwas Neues wagen. Menschen, die Vereine tragen, Veranstaltungen unterstützen und Verantwortung übernehmen, ohne dass darüber jeden Tag gesprochen wird.
Sie sind allesamt regionale Wertschöpfer.
Und genau hier beginnt für mich auch Europa.
Auf diesen Gedanken bin ich jetzt an ganz anderer Stelle wieder gestoßen: bei der Vorankündigung des MeOut Summit 2026 im November in Budapest.
Die Veranstalter stellen ihren Summit unter anderem unter den Gedanken:
„Build local. Think European.“
Und sie kündigen Budapest mit „Innovation takes center stage in Budapest“ an – als einen der ambitionierten Startup-Summits der zentraleuropäischen Region.
Mich interessiert daran weniger ein einzelner Slogan als das Denken dahinter.
Denn viele Herausforderungen ähneln sich von Region zu Region: Fachkräftemangel, Unternehmensnachfolge, Abwanderung junger Menschen, Digitalisierung, Gründungsdynamik oder die Frage, wie wirtschaftliche Stärke außerhalb der großen Metropolen erhalten werden kann.
Warum also sollten Regionen diese Aufgaben ausschließlich allein lösen?
Was in Hessen funktioniert, kann einen Impuls für eine Region in Ungarn, Frankreich, Österreich oder Italien geben. Und umgekehrt können wir von Modellen lernen, die anderswo längst erfolgreich sind.
Regionale Ökosysteme sind längst Wirtschaftspolitik
Dass dieser Gedanke weit mehr ist als Regionalromantik, zeigt derzeit auch die aktuelle deutsche Gründungs- und Innovationspolitik.
Mit den zehn EXIST Startup Factories entstehen regionale Innovationszentren, die Wissenschaft und Forschung mit Unternehmen, Kapital, Gründenden und internationalen Talenten, sprich High Potentials, verbinden sollen. Das Ziel ist ausdrücklich, die jeweiligen Stärken einer Region zu bündeln und daraus leistungsfähige Startup-Ökosysteme aufzubauen.
Interessant ist dabei, dass die Regionen gerade nicht alle dasselbe können sollen.
Ein aktueller Beitrag von EU-Startups beschreibt unterschiedliche regionale Kompetenzprofile: Life Sciences an einigen Standorten, industrielle und universitäre Stärke im Ruhrgebiet, Produktion und Forschung in anderen Regionen – und Rhein-Main mit seiner Verbindung aus Wissenschaft, Industrie und Finanzwirtschaft.
Das ist ein sehr wichtiger Gedanke.
Denn diese Kombination ist ein enormes Potenzial.
Frankfurt hat Kapital und internationale Anbindung.
Die Hochschulen haben Wissen.
Der Mittelstand hat Anwendung, Erfahrung und Markt.
Gründende bringen neue Geschäftsmodelle.
Die Region bringt Unternehmen, Menschen, Flächen, Lebensqualität und industrielle Kompetenz.
Vieles davon ist längst da.
Vor Ort verwurzelt. Europa im Blick.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur: Was fehlt uns noch?
Sondern: Wie verbinden wir das, was schon vorhanden ist, besser miteinander?
Denn Innovation entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Orte, an denen Wissen, Unternehmen, Talente, Kapital und konkrete Anwendungsmöglichkeiten zusammenkommen.
Und sie braucht eine Verbindung zwischen Metropole und Region.
Gerade Rhein-Main bietet dafür eine besondere Ausgangslage: eine internationale Finanz- und Wirtschaftsmetropole auf der einen Seite, starke Mittelstands-, Handwerks- und Industrieregionen unmittelbar daneben.
Warum also Frankfurt und Region gegeneinander denken?
Frankfurt plus Region ist die interessantere Gleichung.
Metropole und ländlicher Raum können ein gemeinsames Innovationsökosystem bilden.
Und daraus entsteht für mich eine noch wichtigere Frage:
Wie machen wir aus Innovationspotenzial tatsächlich regionale Wertschöpfung?
Denn die Zahl der Start-ups allein sagt noch wenig darüber aus, was am Ende in einer Region entsteht.
Bleiben Wissen, Arbeitsplätze und Unternehmen?
Entstehen Kooperationen mit dem Mittelstand?
Werden neue Geschäftsmodelle vor Ort verankert?
Profitieren Kommunen, Fachkräfte und junge Menschen davon?
Wächst daraus wirtschaftliche Substanz?
Genau hier beginnt Regional Value Creation.
Es geht nicht nur darum, Innovation hervorzubringen.
Es geht darum, aus Innovation Wert zu schaffen – für Unternehmen, für Menschen und für Regionen. Und genau deshalb lohnt es sich, unterschiedliche regionale Stärken miteinander zu verbinden.
Regional ist also nicht das Gegenteil von international.
Vielleicht ist eine starke regionale Verankerung sogar eine Voraussetzung dafür, international erfolgreich zu sein.
Der entscheidende Schritt ist deshalb nicht, regionale Identität aufzugeben.
Sondern sie anschlussfähig zu machen.
Aus starken Orten können starke Verbindungen entstehen.Aus starken Regionen ein starkes Europa.
Genau deshalb finde ich auch die europäische Initiative „Power Regions of Europe“ spannend. Sie rückt die Rolle starker Regionen für Europas Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit in den Mittelpunkt.
Für mich führt dieser Gedanke noch einen Schritt weiter:
Nicht Europa von oben nach unten zu denken, sondern von seinen Regionen aus.
Von den Unternehmen.
Von den Gründenden.
Von den Kommunen.
Von Wissenschaft und Innovation.
Von den Menschen, die dort leben und Verantwortung übernehmen.
Vielleicht beginnt die große europäische Idee am Ende viel kleiner, als wir glauben.
In einer Werkstatt.
In einem Familienunternehmen.
In einem Rathaus.
In einem Forschungslabor.
Bei einer Gründung.
Oder bei zwei Menschen, die feststellen:
Was bei uns funktioniert, könnte auch anderen helfen.
Europa beginnt vor Ort.
Veranstaltungshinweis
MeOut Summit 2026 – Budapest
Unter dem Leitgedanken „Innovation takes center stage in Budapest“ bringt der MeOut Summit Start-ups, Investoren, Unternehmen, Forschung, Politik und Akteure aus Innovationsökosystemen zusammen.
Der Anspruch: regionale Innovationskraft sichtbar machen, Verbindungen über Grenzen hinweg schaffen und Europas Wettbewerbsfähigkeit aus seinen unterschiedlichen Ökosystemen heraus stärken.
Mehr zur Veranstaltung: https://meoutsummit.com
Mehr zu den Startup Factories:
Autorin dieses Artikels:

Katja Peteratzinger
Int. Dipl.-Betriebswirtin (FH), Unternehmerin, Marketing-, Medien-, PR-Expertin, Beratende im Kompetenzteam der RKW Hessen GmbH, Publizistin, Treibende Kraft hinter der Initiative Powerregionen.
Kontakt: info@powerregionen.de
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