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Wilde Heimat – Geschichten von hier


David Whitley im Gespräch mit Katja Peteratzinger beim Rheingau-Musik-Festival 2026



Soul auf dem Gestüt Schafhof: Internationale Bühnenerfahrung trifft Hessens Jazznachwuchs. In meinem Interview mit ihm sprach David Whitley über Heimat, Wahlfamilie, die eigene Stimme, die Arbeit mit Nachwuchskünstlerinnen und -künstlern – und darüber, wann aus einem guten Konzert mehr wird, als eine reine Musikveranstaltung.


David Whitley hat an vielen Orten der Welt gelebt und gearbeitet. Washington, New York, Deutschland. Kleine Clubs, Kirchen, große Bühnen, Musicalproduktionen. Orte, an denen Menschen kommen und gehen und an denen ein Künstler lernen muss, sich immer wieder neu einzulassen.


Heimweh kennt er trotzdem kaum.


„Heimat ist dort, wo das Herz zu Hause ist“, sagt Whitley. An vielen Orten, an denen er nicht geboren wurde, habe er sich eine „Wahlfamilie“ aufgebaut. Deshalb fühle er sich auch dann nicht einsam, wenn er manchmal alleine sei. Dabei traf er offenbar stets auf die richtigen Menschen.


Vielleicht erzählt mehr über ihn als jede Aufzählung seiner beruflichen Stationen.

Denn David Whitleys Geschichte ist auch eine Geschichte darüber, dass Heimat nicht unbedingt dort liegen muss, wo ein Mensch geboren wurde. Sie kann wachsen. Durch Begegnungen. Durch Menschen. Durch Musik. Und er selbst trägt sie mit seiner Stimme sogar immer mit sich.


  • Katja Peteratzinger hat David Whitley für die Powerregionen interviewt
  • Gestüt Schafhof in Kronberg im Taunus.
  • Rheingau Musik Festival goes Kronberg.
  • Tolle Stimmung, tolle Location, tolle Künstler. Da bleiben keinerlei Wünsche offen.


Von Washington in die Welt


David Whitley sagt, er habe auf der ganzen Welt gelebt und gearbeitet. Aber wenn er an seine musikalischen Anfänge in Washington, D.C. zurückdenke, erinnere er sich nicht zuallererst an eine große Bühne. Sondern an kleine Clubs, Kirchen und Gemeinschaftszentren. Orte, an denen Musik zum Alltag gehörte und Menschen ganz konkret und regelmäßig miteinander verband. "Es gab so viele unterschiedliche Klänge und

Einflüsse, die mich dort auf die eine oder andere Weise geprägt haben", sagt er.


Schon als Junge sang er in seiner Kirchengemeinde. Dort habe er früh erkannt, dass Musik für ihn mehr sein würde als nur eine Begabung, dass sie mehr als nur Hobby und Leidenschaft sein sollte. Irgendwann sei ihm klar geworden, dass er ihr sein Leben widmen wolle. "Diese frühen Erfahrungen prägen bis heute die Art und Weise, wie ich

schreibe, auftrete und mit meinem Publikum in Verbindung trete."


Genau darin liegt auch sein Verständnis von Soul.


Kann man Soul lernen, fragte ich ihn? Whitleys Antwort ist eindeutig und zugleich sehr persönlich: Soul ist für ihn eine Form des Ausdrucks. Ein Gefühl, das man selbst nie erspürt und erfahren habe, könne man nicht vollständig ausdrücken. Und die Erfahrungen jedes Menschen seien ja auch einzigartig. Deshalb sei Soul letztlich Ausdruck der ganz persönlichen Lebensreise eines Menschen, meint Whitley.


1996 führt ihn diese Lebensreise nach Deutschland. Whitley wird eingeladen, im Musical „Miss Saigon“ mitzuwirken – und bleibt. Er habe sich sofort in Deutschland verliebt, erzählt er. Besonders die hohe Lebensqualität und die Wertschätzung gegenüber Künstlerinnen und Künstlern hätten ihn beeindruckt. Heute lebt David Whitley in Stuttgart. Aus einem beruflichen Engagement wurde ein Lebensmittelpunkt – aus einem fremden Land ein Stück Heimat.



Die eigene Stimme finden


Doch das eigentlich Spannende an David Whitley ist nicht nur seine eigene Stimme. Es ist sein nachhaltiger Blick auf die Stimmen anderer. Seit vielen Jahren arbeitet er als Coach mit Sängerinnen und Sängern. Und wenn er über diese Arbeit spricht, fällt ein Satz, der weit über Musik hinausweist. Er sagt er höre zunächst darauf, wer ein Mensch als Person sei. Oft erkenne er, wenn jemand versuche, eine bestimmte Sängerin oder einen Sänger nachzuahmen, die oder den er bewundert. Dann sehe er seine Aufgabe darin, diesen Menschen „von dieser Last" zu befreien. Er bestärke sie darin, ihre eigene, unverwechselbare Stimme zu entwicklen, ihre eigene Identität stimmlich wie persönlich zu finden. "Eine eigene, unverwechselbare Stimme zu haben, ist so wichtig."


Es ist ein bemerkenswertes Bild.

Denn natürlich gilt genau das nicht nur für Sänger.

Die eigene Stimme finden. Nicht kopieren. Nicht versuchen, jemand anderes zu sein. Herausfinden, was tatsächlich zu einem selbt gehört ...


Whitley selbst bewegt sich dabei zwischen drei Rollen: Sänger, Coach und der Mensch im Hintergrund. Keine davon möchte er missen. Jede verlangt etwas anderes von ihm. Und allen drei begegnet er, wie er sagt, mit Respekt und Aufmerksamkeit. Er könne sich ein Leben ohne diese drei Rollen nicht vorstellen. "Ich liebe sie alle."



„Herrliches Chaos“


Am 14. August führt David Whitleys Weg nach Kronberg im Taunus. Bei der Soulnight des Rheingau Musik Festivals steht er gemeinsam mit Cassandra Steen und dem Landesjugendjazzorchester Hessen hier auf der Bühne. Dieser Schauplatz ist einer der ganz besonderen Orte des Rheingau-Musik-Festivals: das Gestüt Schafhof von Ann Kathrin Linsenhoff.


Ein Ort mit eigener Historie trifft an diesem Abend auf Musiker mit ganz unterschiedlichen Geschichten: internationale Bühnenerfahrung, eine der bekanntesten deutschen Soulstimmen und Hessens Jazznachwuchs.


Was passiert in einem Probenraum, wenn große Bühnenerfahrung auf die Unmittelbarkeit junger Musikerinnen und Musiker trifft, habe ich den Künstler gefragt.


Whitleys Antwort kommt prompt:

„Herrliches Chaos!“


Unglaublich erfrischend sei es, zu hören und zu erleben, wie junge Menschen ihren eigenen Blick in den kreativen Prozess einbringen. Gerade in einer Branche, in der vieles seit Jahren auf eine bestimmte Weise funktioniere, könne man schnell in eingefahrene Arbeitsmuster geraten.


"In der Branche gibt es vieles, das gut funktioniert und nicht verändert werden muss.

Gleichzeitig gibt es aber auch unzählige Ideen, die noch darauf warten, verwirklicht zu werden – und genau diese entstehen oft durch neue, unverbrauchte Perspektiven", meint Whitley.


„So haben wir es schon immer gemacht“ – genau diesen Gedanken können junge Musiker aufbrechen. Sie bringen die Perspektive ihrer Generation mit, einen gewissen Hunger zu lernen und gleichzeitig die Lust eigene Ideen zu teilen. Für Whitley ist das keine Einbahnstraße zwischen Erfahrung und Nachwuchs. Auch der Erfahrene lerne schließlich.


Vermutlich ist das einer der interessantesten Aspekte des Abends in Kronberg: Nicht der große Künstler zeigt den Jungen, wie es geht. Sondern unterschiedliche Generationen bringen einander in Bewegung.



Wenn zwei Stimmen aufeinandertreffen ...


In Kronberg steht Whitley mit Cassandra Steen zusammen auf der Bühne. Und gemeinsam mit dem Landesjugendjazzorchester Hessen gestalten sie die Soulnight. Mit Cassandra Steen verbindet David Whitley bereits eine gemeinsame musikalische Geschichte.

Mit ihr zu singen, sei jedes Mal „ein magisches Erlebnis“, sagt David. Besonders schätze er ihre Fähigkeit, ein Lied zu ihrem eigenen zu machen und ihm eine persönliche Handschrift zu geben.


Die beiden hören gemeinsam Musik, zerlegen Stücke und fragen sich, was sie daran berührt – und wie sich diese Inspiration anschließend auf eine eigene Weise ausdrücken lässt. Auch hier taucht es wieder auf: das Eigene. Nicht möglichst perfekt reproduzieren. Sondern verstehen, fühlen und daraus etwas Persönliches entstehen lassen.


Musikalische Nähe lasse sich dabei nur bis zu einem gewissen Punkt planen, sagt Whitley. Üben und Proben seien unverzichtbar. Aber der entscheidende Moment entstehe organisch: wenn Instinkt und Erfahrung aufeinandertreffen und zwei Menschen die Emotion der Musik miteinander teilen, ohne zu urteilen oder nachzudenken. Dies sei der Moment, in dem ein Konzert aufhöre, bloß eine Aufführung zu sein. "Genau das gehört für mich zu den größten Freuden einer Live-Performance. Es wird niemals langweilig. Man muss mit all seinen Sinnen wach, aufmerksam und vollkommen im Moment sein."


Das Rheingau Musik Festival bringt Künstler an besondere Orte in der Region. Ich fragte David Whitley, ober er einen Unterschied spüre zwischen einem Auftritt in einer Metropole und einem Konzert an einem Ort wie Kronberg? Darauf antwortete er: "Egal, wo ich singe – ich bin immer mit ganzem Herzen dabei. Ich komme gut vorbereitet und bereit, mein Geschenk mit dem Publikum zu teilen." Was für eine schöner Satz. "Jeden einzelnen Auftritt sehe ich als Chance, neue Menschen kennenzulernen und neue Freundschaften zu schließen. Ich darf mich glücklich schätzen, dass aus jeder Erfahrung wieder

eine neue, ganz wunderbare Erfahrung entsteht. Ich komme zu jedem Konzert mit der Erwartung, dass ein besonderer Austausch entsteht." – Das sei nur möglich durch gute Vorbereitung, Erfahrung und echte Leidenschaft, meint Whitley.



Wilde Heimat. Die Soulnight in Kronberg.


Und dann kommt eine Frage, bei der David Whitley zunächst lachen muss.

Was müsste am 14. August in Kronberg geschehen, damit er selbst am Ende sagen würde: Die Soulnight war mehr als nur ein gutes Konzert?


Seine erste Reaktion:

„Haha ... wow! Diese Frage wurde mir tatsächlich noch nie gestellt.“


Und seine Antwort verrät anschließend noch einmal viel über ihn.

Mehr als nur ein gutes Konzert wäre es für Whitley, wenn ihm jemand erzählen würde, dass dieses Konzert seinen Tag, seinen Abend – vielleicht sogar sein Leben – verändert habe. Wenn Musik einem Menschen in diesen dunklen Zeiten neue Hoffnung geben könne. "Und natürlich wäre es ein wunderbares Gefühl, wenn ich wieder eingeladen würde", sagte er.


Plötzlich führt die Geschichte zurück zu ihrem Anfang.

Zu den Menschen und Orten, die Whitley seine Wahlfamilie nennt. Zu einem Leben, in dem Heimat offenbar nicht als fester Punkt auf einer Landkarte existiert, sondern immer wieder neu entstehen kann.


Durch Begegnungen.

Durch Musik.

Durch Menschen, die bleiben.


Und durch eine Stimme.


Denn auf die Frage, ob seine Stimme, wenn sie ihn schon durch so viele Orte, Rollen und Lebensphasen begleitet habe, vielleicht auch selbst so etwas wie Heimat sei, antwortet David Whitley ohne Zögern:


„Ja, absolut. Meine Stimme ist meine Heimat, die mich überallhin begleitet.“


"Ich bin unendlich dankbar für meine Stimme", sagt er weiter "und für dieses Geschenk. Ich habe das Gefühl, dass ich dafür auserwählt wurde. Die Vorstellung, etwas geschenkt bekommen zu haben, das Menschen berühren und Veränderungen in ihnen bewirken kann, erfüllt mich mit großer Demut. Das ist ein unglaublich kraftvolles Werkzeug. Und wenn es mit Liebe verbunden ist, gewinnen am Ende alle."



Zur Veranstaltung


Soulnight | Rheingau Musik Festival 2026

14. August 2026, 19.30 Uhr

Gestüt Schafhof, Kronberg im Taunus

Landesjugendjazzorchester Hessen feat. Cassandra Steen & David Whitley



David Whitley


David Whitley ist Sänger und Vocal Coach. Aufgewachsen in Washington, D.C., führte ihn seine musikalische Laufbahn durch unterschiedliche Länder und Bühnen. 1996 kam er für das Musical „Miss Saigon“ nach Deutschland – und blieb. Heute ist Deutschland seit vielen Jahren sein Lebensmittelpunkt.



Katja Peteratzinger


Katja Peteratzinger ist Publizistin, Marketingberaterin und Inhaberin von Peteratzinger-Publishing. Mit der Inititative Powerregionen beschäftigt sie sich mit Regionalität, Heimat, Menschen und den Geschichten, die Orte prägen. „Wilde Heimat – Geschichten von hier“ ist eine neue redaktionelle Serie über besondere Menschen und ihre Verbindung zu Heimat und Region.


Text & Interview: Katja Peteratzinger | Fotos: David Whitley © Tom Eggert; Gestüt Schafhof © Andreas Statzner mit freundlicher Genehmigung


Alle Rechte vorbehalten.

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