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Wilde Heimat. Geschichten von hier.

1. Okt.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 1. Okt.

Eine wahre Geschichte aus dem Jahre 1996.


Nächtliche Landschaft zur wahren Geschichte ‚Wen rufst du um 3 Uhr nachts an?‘ – über Menschen, die eine funktionierende Region ausmachen.

1996 schenkte ich einem Freund eine Reise in die USA. Es war eine Überraschung zum runden Geburtstag. Gemeinsames Christmas-Shopping in New York stand auf der Agenda.


Etwa drei Tage vor dem Abflug begann ich ganz entspannt, meine Sachen zu packen, Tickets zu checken, Kleidung, die ich mitnehmen wollte, aus der Reinigung holen. Und ach ja: den Reisepass sollte man auf gar keinen Fall vergessen.


Ohne Reisepass konntest du nicht in die USA einreisen.


Dass meiner noch gültig war, wusste ich. Damals wie heute konnte man ausschließlich mit einem gültigen Reisepass in die USA einreisen.


So sicher wie an das Amen in der Kirche glaubte ich daran, dass mein Pass an seinem angestammten Platz in meinem Stammbuch liegen würde.


Alles total stressfrei.


Bis zu dem Punkt, an dem ich die Dokumentenmappe öffnete.


Kein Reisepass.


Na gut, sagte ich mir. Wenn er da nicht ist, kann er nur im Wandschrank sein.


Nein.


Da war er auch nicht.


Ich stellte die ganze Wohnung auf den Kopf. Aber der Pass war ums Verrecken nicht zu finden.


Mittlerweile war es Freitagnachmittag. Das Rathaus längst geschlossen. Der Flug sollte am nächsten Morgen gehen.


Eine aussichtslose Situation.


Eine Freundin meinte: „Ruf doch mal beim Flughafen oder beim Zoll an.

Vielleicht können die dir helfen.“


Gesagt, getan.


Ein fast unangenehm gut gelaunter Zollbeamter hörte sich ganz ruhig mein Dilemma an und erklärte mir, dass er nichts für mich tun könne. Er habe diesbezüglich überhaupt keine Möglichkeiten. Den Flug könne ich mir vermutlich abschminken. "Bleiben Sie in der Heimat."


Gerade wollte ich auflegen, als er noch einen Satz hinterherschob und dabei herzhaft lachte:

„Es sei denn, Sie kennen Ihren Bürgermeister.“


Von selbst wäre ich niemals auf diese Idee gekommen.


Aber tatsächlich kannte ich unseren damaligen Bürgermeister. Nicht auf Du und Du, aber gut genug, dass er auch wusste, wer ich war.


Ich überlegte hin und her, ob ich das wirklich machen sollte. Meiner Reisebegleitung hatte ich inzwischen schon gesagt, dass er wohl alleine fliegen müsse. Er wiederum wollte ohne mich nicht reisen – und überredete mich schließlich, Herrn Sch. anzurufen.


Also suchte ich seine Privatnummer aus dem Telefonbuch.


Und rief mit reichlich Aufregung bei ihm an.


Er selbst war nicht zu Hause. Seine Frau hörte sich meine Geschichte an und reagierte sofort verständnisvoll.


„Ich versuche ihn zu erreichen. Aber er ist heute Abend in Sitzungen. Das kann spät werden.“


Frau Sch. hängte sich offenbar ans Telefon und setzte einige Hebel in Bewegung.


Ein anderer Freund, dem ich mein Problem schilderte, sagte: „Ich weiß vielleicht einen Weg. Ich melde mich wieder.“


Und dann verselbstständigte sich das Ganze.


Binnen kürzester Zeit hatte ich das Gefühl, die halbe Kommune wusste mittlerweile von meinem verschwundenen Reisepass und war auf der Jagd nach jemandem, der noch einmal ins Rathaus kommen könnte, um mir einen vorläufigen Reisepass auszustellen.


Irgendwann gegen 20.30 Uhr klingelte mein Telefon.


„G. hier. Ich habe gehört, Sie brauchen einen Ersatzausweis.“


„Ja“, sagte ich kleinlaut.


„Wenn Sie ein Passbild haben, kommen Sie in der nächsten halben Stunde ins Rathaus.“


Ich hätte springen können vor Freude.


Eine halbe Stunde später hielt ich tatsächlich einen dieser damals noch erlaubten grünen, händisch ausgestellten, vorläufigen Reisepässe in der Hand.


Ich fragte Herrn G., wie er letztendlich von meinem Problem erfahren hatte.


Seine Antwort ist der Teil der Geschichte, den ich bis heute nicht vergessen habe.

Ein gemeinsamer Freund wusste, wo der Ordnungsamtsleiter freitags nach Feierabend oft zum Sport ging.


Also hatte er sich ins Auto gesetzt.


War hingefahren.


Hatte ihn ausfindig gemacht.


Und ihn gebeten, mir in dieser Situation zu helfen.


Niemand hat für mich irgendeine Regel gebrochen. Aber eine ganze Reihe von Menschen war bereit, sich zu kümmern.



Einige Zeit später ging mir ein Licht auf.

Der Pass lag vermutlich im Handschuhfach meines im Sommer des selben Jahres in Frankfurt aufgebrochenen Wagens. Aufgetaucht ist er nie wieder.

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