Mehr Eigensinn für Deutschland?
Aktualisiert: 8. Aug.
Eine resiliente Region braucht wirtschaftliche Artenvielfalt.
Warum Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Vielfalt in der Unternehmenslandschaft immer wichtiger werden
„Firefox is the only major browser not backed by a billionaire.“
Ein ziemlich großer Satz für einen Browser, der weltweit gerade einmal rund 3,3 Prozent Marktanteil hat. [1][2]
Aber genau das ist der Punkt.
Im Original lautet die Botschaft von Firefox wie folgt:
„Firefox is the only major browser not backed by a billionaire and our independence shapes everything we build.“ [1]
Firefox erzählt damit nicht nur etwas über sich selbst. Vielmehr führt der Satz zu einer viel größeren Frage: Wem gehört eigentlich die Infrastruktur unseres Alltags?
Wir suchen mit Google. Wir arbeiten mit Microsoft. Wir telefonieren mit iPhones oder Android-Geräten. Wir kaufen bei Onlineplattformen. Und meistens denken wir darüber nicht weiter nach. Es funktioniert schließlich. Bis irgendwann kaum noch Alternativen da sind.

Der Wert einer Alternative
Firefox ist heute kein Marktführer. Weit davon entfernt. Und trotzdem ist der Browser wichtig.
Nicht weil alle genau diesen benutzen müssten. Sondern weil es gut ist, dass es diese unabhängige Alternative gibt. Weil hier jemand einen anderen Weg geht. Weil nicht jeder Zugang zum Internet von denselben wenigen Konzernen geprägt sein sollte. Und weil eine Alternative einen Wert haben kann, selbst wenn sie nicht markbeherrschend ist.
Mozilla selbst verbindet seine Unabhängigkeit ausdrücklich mit der Freiheit, eigene Prioritäten zu setzen und Produkte und Werkzeuge zu entwickeln, die das Internet von morgen mitgestalten sollen. [1][3]
Und plötzlich geht es gar nicht mehr nur um Browser.
Das digitale Gegenstück zum Mittelstand
Vielleicht ist das obige Beispiel so etwas wie das digitale Gegenstück zum deutschen Mittelstand. Auch viele mittelständische Unternehmen sind keine Marktführer. Sie verfügen nicht über unbegrenztes Kapital. Sie beschäftigen keine hunderttausend Menschen. Sie dominieren keine Märkte.
Und trotzdem tragen sie ganze Regionen.
Sie schaffen Arbeitsplätze. Sie bilden aus. Sie entwickeln Produkte. Sie vergeben Aufträge. Sie zahlen Steuern. Sie engagieren sich vor Ort.
Dabei geht es aber noch um etwas ganz anderes: um Eigenständigkeit und Unabhängigkeit.
Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck.
Sie schafft Spielraum.
Spielraum dafür, die eigenen Prioritäten zu setzen, nicht die der anderen.
Sie schafft Freiraum dafür, in neue Produkte zu investieren, auch wenn sie nicht sofort den höchsten Gewinn versprechen. Innovationen voranzutreiben, auch wenn außer einem selbst zunächst niemand davon überzeugt ist. Werkzeuge und Angebote weiterzuentwickeln, weil Kunden sie brauchen. Menschen auszubilden. Arbeitsplätze an einem Standort zu erhalten. Mit regionalen Partnern zusammenzuarbeiten. Oder sich für die eigene Region zu engagieren, obwohl sich dieser Einsatz nicht in der nächsten Quartalsbilanz messen lässt. Genau darin liegt ein besonderer Wert unabhängiger Unternehmen.
Sie entscheiden nach eigenen Maßstäben, was ihnen wichtig ist. Und genau daraus entstehen oft neue Trends und Standards.
Die Freiheit, einfach zu machen
Und manchmal entsteht aus Unabhängigkeit noch etwas anderes:
Eigensinn.
Stephen Colbert, der bekannte und erfolgreiche us-amerikanische Late-Talker lieferte dafür gerade vor einigen Wochen ein ziemlich schönes Beispiel. Das Ende seiner „Late Show“ war überraschend von seinem landesweiten Sender beschlossen worden – offiziell wirtschaftlich begründet und zugleich politisch heftig diskutiert. [4] Kurz vor dem Finale führte Colbert noch ein ausführliches Gespräch mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. [5] Und einen Tag nach seiner letzten Sendung stand einer der bekanntesten Fernsehmoderatoren der USA bereits wieder vor einer Kamera. – Diesmal zur Überraschung aller bei einem kleinen, unabhängigen Community-Sender in Monroe, Michigan. [6]
Man könnte auch sagen:
Wenn eine große Bühne verschwindet, baut eine kleine eben eine neue auf.
Das hat etwas! Das hat klasse.
Denn genau das können unabhängige Strukturen: schnell reagieren. Ausprobieren. Widersprechen. Chancen sehen. Dinge einfach mal machen. Insofern ist mehr Eigensinn für Deutschland vermutlich die richtige Antwort.
Und sie können gelegentlich auf Ideen kommen, auf die ein großer, behäbiger Apparat vermutlich nie gekommen wäre. Auch das ist ein Wert von Unabhängigkeit kombiniert mit Eigensinn ...

Wie viel Eigensinn verträgt unsere Förderung?
Wenn wir solche Menschen und Strukturen und solche Ideen wollen, führt allerdings an einer weiteren Frage kaum ein Weg vorbei: Fördern wir eigentlich die besten Ideen – oder diejenigen, die am besten in unsere Förderlogiken passen?
Denn neue Ideen entstehen nicht zwangsläufig dort, wo bereits die perfekten Strukturen, die etabliertesten Netzwerke und die meiste Erfahrung mit Förderanträgen sitzen. Manchmal sitzen sie eben auch in Monroe, Michigan (USA), dort wo Aktivisten sich auch mal etwas trauen. Oder in einer kleinen, unabhängigen Agentur, einem Handwerksbetrieb, einem Start-up oder einem mittelständischen Unternehmen mit dem entsprechenden Mindset irgendwo in der deutschen Provinz.
Innovationsfähigkeit und Förderfähigkeit sind nicht dasselbe.
Dass diese Frage keineswegs aus der Luft gegriffen ist, zeigt ausgerechnet die Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND. Sie begründet ihren Verzicht auf klassische Förderrichtlinien damit, dass Sprunginnovationen gerade ein Abweichen vom Standard und individuelle Lösungen erfordern. [7]
Wenn Förderung Zukunft ermöglichen soll, muss sie deshalb auch Raum für Menschen und Unternehmen lassen, die noch nicht Teil des üblichen Ökosystems sind.
Für mehr Eigensinn.
Für Geschwindigkeit beim Innovationsgrad des Landes.
Für ungewöhnliche Wege.
Und gelegentlich auch für eine Idee, bei der am Anfang noch niemand genau weiß, ob sie funktioniert.
Denn wer nur Bekanntes fördert, bekommt am Ende womöglich auch nur Bekanntes zurück.
Vielleicht könnte also auch unsere Förderlandschaft ein bisschen mehr Eigensinn vertragen.
In Zukunftsfähigkeit investieren
Unabhängigkeit bedeutet schließlich auch: in Zukunft investieren zu können.
Nicht nur in das, was heute den größten Ertrag verspricht.
Sondern in das, was morgen wichtig sein könnte.
In neue Ideen. In Wissen. In Menschen. In Technologien. In Produkte.
Und manchmal ganz bewusst in den eigenen Standort und die eigene Region.
Denn unternehmerische Entscheidungen enden ja nicht an der Tür eines Unternehmens.
Sie wirken weiter. Sie prägen Orte. Sie schaffen Chancen. Sie halten Wissen in einer Region. Sie ermöglichen Neues.
Und sie entscheiden mit darüber, wie eine Region morgen aussieht.
Eine resiliente Region braucht wirtschaftliche Artenvielfalt
Aus vielen unterschiedlichen und eigenständigen Unternehmen entsteht dabei etwas, das wir vielleicht viel zu selten als eigenen Wert betrachten: wirtschaftliche Artenvielfalt.

Unterschiedliche Unternehmen bringen unterschiedliche Eigentümer, Ideen, Geschäftsmodelle, Entscheidungen und Perspektiven in eine Region.
Der Handwerksbetrieb arbeitet anders als der Industriebetrieb. Das Start-up denkt anders als der Traditionsbetrieb. Der inhabergeführte Dienstleister entscheidet anders als ein Konzern.
Und genau darin kann eine Stärke liegen.
Denn wo viele unterschiedliche Unternehmen existieren, entstehen Alternativen.
Alternativen bei Produkten.
Alternativen bei Arbeitgebern.
Alternativen bei Lieferanten.
Alternativen bei Ideen.
Alternativen bei Entscheidungen.
Eine resiliente Region braucht wirtschaftliche Artenvielfalt.
Vielleicht bemisst sich die Bedeutung eines Unternehmens deshalb nicht nur daran, wie groß es ist. Sondern auch daran:
Was würde fehlen, wenn es nicht mehr da wäre?
Das gilt für einen Browser.
Und es gilt für den Handwerksbetrieb im Ort. Für den regionalen Produzenten. Für das Familienunternehmen. Für den spezialisierten Maschinenbauer. Für den Händler, den Dienstleister oder den kleinen Arbeitgeber, den außerhalb seiner Region kaum jemand kennt.
Jeder für sich ist vielleicht klein.
Zusammen machen sie eine Region stark.
Nicht jeder muss der Größte sein
Nicht jedes Unternehmen muss wachsen, bis es Marktführer ist.
Nicht jede gute Idee muss zum Konzern werden.
Nicht alles muss maximal skalierbar sein.
Manchmal liegt der Wert gerade darin, dass viele unterschiedliche Unternehmen nebeneinander existieren.
Mit unterschiedlichen Gesellschaftsformen.
Unterschiedlichen Ideen.
Unterschiedlichen Entscheidungen.
Und unterschiedlichen Wegen.
Denn Vielfalt schafft Alternativen.
Und Alternativen schaffen Unabhängigkeit.
Und Unabhängigkeit schafft den Spielraum, Neues zu wagen und in Zukunft zu investieren.
Vielleicht brauchen wir deshalb tatsächlich mehr Eigensinn für Deutschland.
Nicht als Kampf "Klein gegen Groß".
Und auch nicht aus verklärter Liebe zum Mittelstand.
Sondern aus einem ganz einfachen Grund:
Eine Gesellschaft ist stärker, wenn sie eine Wahl hat.
Das Beispiel Firefox erinnert uns daran, dass man nicht zwingend der größte Player sein muss, um relevant zu sein und herausragende Ergebnisse zu liefern.
Colbert erinnert uns daran, dass eine kleine Bühne manchmal erstaunlich schnell da sein kann, wenn die große verschwindet.
Und unsere Regionen erinnern uns jeden Tag daran, dass wirtschaftliche Stärke nicht nur dort entsteht, wo die größten Namen stehen.
Sondern überall dort, wo Menschen unabhängig entscheiden, etwas wagen, Verantwortung übernehmen und ihre eigenen Ideen verfolgen.
Denn eine starke Region braucht nicht immer die gleichen Gewinner.
Sie braucht viele Gewinner. Und sie braucht Gewinner die bleiben.
Quellen
[1] Mozilla, 22. Mai 2025: „Investing in what moves the internet forward.“ Enthält den Originalsatz „Firefox is the only major browser not backed by a billionaire and our independence shapes everything we build“ sowie Mozillas Erläuterung zum Zusammenhang zwischen Unabhängigkeit, Produktentwicklung und Investitionsentscheidungen.
[2] Statcounter Global Stats, Juli 2026: Browser Market Share Worldwide. Firefox: 3,34 Prozent weltweiter Marktanteil über alle Plattformen.
[3] Mozilla / Firefox: „It doesn’t have to be like this — join Firefox in #DailyDefiance.“ Mozilla beschreibt Firefox als einzigen großen Browser, der weder von einem Milliardär getragen werde noch auf Chromium basiere, und verweist auf die Non-Profit-Struktur sowie die unabhängige Gecko-Engine.
[4] CBS News / Reuters, 18. Juli 2025: CBS kündigte das Ende der „Late Show with Stephen Colbert“ für Mai 2026 an und bezeichnete die Entscheidung als rein wirtschaftlich. Aufgrund des politischen Umfelds und Colberts deutlicher Kritik an Donald Trump wurde die Entscheidung zugleich öffentlich und politisch kontrovers diskutiert.
[5] CBS, 5. Mai 2026: „The Late Show with Stephen Colbert“ – Gespräch mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Weitere Obama-Sequenzen wurden am 13. Mai 2026 ausgestrahlt.
[6] Associated Press, Mai 2026: „Stephen Colbert is back on TV on community access in Michigan along with rocker Jack White.“ Colbert trat unmittelbar nach dem Finale seiner CBS-Show bei „Only in Monroe“ in Michigan auf.
[7] SPRIND – Bundesagentur für Sprunginnovationen, FAQ: Zur Frage „Warum hat SPRIND keine Förderrichtlinien?“ erklärt die Agentur, klassische Förderrichtlinien setzten Standardprogramme voraus. Sprunginnovationen erforderten dagegen das Abweichen vom Standard sowie individuelle Antworten und Lösungen.
Autorin:
Katja Peteratzinger, Internationale Diplom-Betriebswirtin mit Schwerpunkt Marketing, Beratende Expertin im RKW Hessen-Kompetenzteam, Unternehmerin, Publizistin und treibende Kraft hinter der Initiative Powerregionen.
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