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Wer denkt künftig für uns?

vor 6 Tagen
7 Min. Lesezeit

Eine Pulitzerpreisträgerin, 250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit und die Frage, ob wir im Zeitalter der künstlichen Intelligenz unsere geistige Selbstbestimmung aufs Spiel setzen.


Jill Lepore, Pulitzerpreisträgerin 2026, Publizistin und Harvard-Historikerin bei ihrer Rede im Rahmen der Eröffnungspressekonferen der Frankfurter Buchmesse am 6. Oktober 2026

Jill Lepore, Pulitzerpreisträgerin 2026, Publizistin und Harvard-Historikerin bei ihrer Rede im Rahmen der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse am 6. Oktober 2026




“Are humans to abandon government by consent for government by machine? Are we to allow machines to do our reading and writing and thinking for us or are we [...] to declare our independence in the writing and reading of books...”

„Sollen die Menschen eine Regierung, die auf der Zustimmung der Regierten beruht, zugunsten einer Herrschaft durch Maschinen aufgeben? Sollen wir zulassen, dass Maschinen für uns lesen, schreiben und denken – oder sollen wir [...] beim Schreiben und Lesen von Büchern unsere Unabhängigkeit erklären?“

Jill Lepore. Deutsche Übersetzung sinngemäß.



Es sind Fragen, die weit über Bücher hinausreichen. Fragen nach Macht, Freiheit und der Zukunft unserer Demokratie. Und Fragen, die uns alle betreffen – unabhängig davon, ob wir Bücher schreiben, sie verlegen, sie lesen oder längst einen beträchtlichen Teil unseres Alltags mit künstlicher Intelligenz organisieren.


Jill Lepore hat sie auf der Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse 2026 gestellt. Mit einer historischen Perspektive, die den technologischen Umbruch unserer Gegenwart in ein anderes Licht rückt.


Denn während wir darüber diskutieren, was künstliche Intelligenz künftig alles für uns erledigen kann, stellt Lepore eine viel grundsätzlichere Frage: Was geschieht mit unserer Freiheit, wenn wir das eigene Denken zunehmend anderen überlassen?



250 Jahre Unabhängigkeit. Und eine neue Frage nach der Freiheit.


1776 erklärten die amerikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit von der britischen Krone. Ihre Erklärung begründete politische Herrschaft mit der Zustimmung der Regierten – eine Idee, die das Verständnis demokratischer Legitimation nachhaltig verändern sollte.


250 Jahre später erinnert Jill Lepore daran, dass diese Zustimmung mehr voraussetzt als die Möglichkeit, bei Wahlen seine Stimme abzugeben.


Menschen müssen sich informieren können. Sie müssen lesen, verstehen, zweifeln, widersprechen und eigene Urteile bilden können. Ohne diese Fähigkeiten verliert politische Selbstbestimmung ihre Grundlage.


Lepore weiß, wovon sie spricht. Die Historikerin lehrt an der Harvard University, schreibt für den New Yorker und erhielt 2026 den Pulitzer-Preis für ihr Werk We the People: A History of the U.S. Constitution. Darin untersucht sie die Geschichte der amerikanischen Verfassung, ihre Widersprüche und die jahrhundertelangen Versuche, ihr Versprechen von Freiheit und Gleichheit einzulösen.


Denn auch das gehört zur historischen Wahrheit: Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 verkündete universelle Ideale, die für große Teile der damaligen Bevölkerung keineswegs Wirklichkeit waren.


Freiheit ist kein abgeschlossener Zustand. Sie muss immer wieder errungen, erweitert und verteidigt werden.


Im Jahr 2026 stellt sich diese Aufgabe unter neuen technologischen Bedingungen.


Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, wer regiert. Sondern zunehmend auch: Wer kontrolliert die Informationen, die unserem Denken und unseren Entscheidungen vorausgehen?



KI und menschliches Denken.

Wenn der Mensch sich selbst überflüssig macht


Bemerkenswert ist, wie weit Lepore für ihre Argumentation zurückgeht.


In ihrer Rede erinnert sie an die Philosophin Hannah Arendt, die sich bereits in den 1950er-Jahren mit den Folgen einer zunehmend technisierten und automatisierten Gesellschaft beschäftigte.


Arendt erkannte eine Gefahr, die über den Verlust menschlicher Arbeit hinausreichte: die Vorstellung, dass Menschen durch technische Systeme irgendwann in wesentlichen Bereichen ihres Handelns und Urteilens überflüssig werden könnten.


Zur gleichen Zeit entstand in der Wissenschaft ein Forschungsfeld, das 1956 seinen Namen erhielt: Artificial Intelligence.


Was damals als wissenschaftliche Möglichkeit begann, ist heute Bestandteil unseres Alltags.


Maschinen verfassen Texte, analysieren Dokumente, erstellen Bilder, ordnen Informationen und formulieren Antworten auf Fragen, für deren Beantwortung Menschen früher erhebliche Zeit aufbringen mussten.


Vieles davon ist faszinierend. Vieles ausgesprochen nützlich.


Aber technischer Fortschritt und gesellschaftlicher Fortschritt sind nicht dasselbe.


Was technisch möglich wird, ist deshalb noch lange nicht gesellschaftlich wünschenswert.


Lepores Kritik richtet sich nicht einfach gegen neue Technologien. Sie richtet sich gegen die Vorstellung, KI und menschliches Denken, gesellschaftliche Verantwortung und demokratische Entscheidungen ließen sich ohne Weiteres an technische Systeme übertragen.


In ihrem neuen Buch Die Regierung der Maschinen. Aufstieg und Fall des Künstlichen Staates untersucht sie, wie eng technologische Macht, wirtschaftliche Interessen und politische Herrschaft miteinander verwoben sein können.


Ihre Frankfurter Rede führt diesen Gedanken zu seinem Kern: Eine Gesellschaft, die sich ihre Urteilsfähigkeit abnehmen lässt, könnte am Ende auch die Fähigkeit verlieren, über ihre eigene Zukunft zu bestimmen.



Lesen ist keine nostalgische Kulturtechnik


Genau hier treffen sich die Gedanken der amerikanischen Historikerin mit den Sorgen der deutschen Buchbranche.


Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, warnte auf derselben Pressekonferenz eindringlich vor der schwindenden Lesekompetenz junger Menschen.


Nach den vom Börsenverein angeführten Ergebnissen der PISA-Studie verfügt etwa ein Drittel der 15-Jährigen nicht über ausreichende Lesekompetenz. Zugleich ging die Zahl der Buchkäuferinnen und Buchkäufer unter den 10- bis 15-Jährigen im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 30,6 Prozent zurück.


Solche Zahlen verdienen Aufmerksamkeit. Nicht allein, weil sie für Verlage und Buchhandlungen eine wirtschaftliche Herausforderung darstellen.


Sondern weil Lesen eine Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe ist.


Wer einen komplexen Text nicht versteht, kann ihn schwerlich beurteilen. Wer Argumente nicht nachvollziehen kann, kann sie kaum hinterfragen. Und wer nicht gelernt hat, zwischen einer Behauptung und ihrer Begründung zu unterscheiden, wird auch Schwierigkeiten haben, die Antworten künstlicher Intelligenz kritisch zu prüfen.


Dabei geht es nicht um eine romantische Verklärung gedruckter Bücher. Ein Bildschirm macht niemanden automatisch oberflächlich, ebenso wenig wie der Besitz einer Bibliothek jemanden zu einem aufgeklärten Menschen macht.


Entscheidend ist etwas anderes.


Lesen verlangt Aufmerksamkeit. Ein anspruchsvoller Text fordert uns auf, einem Gedanken zu folgen, bevor wir ihm zustimmen oder widersprechen. Er konfrontiert uns mit fremden Erfahrungen, anderen Sichtweisen und manchmal mit Erkenntnissen, die unsere bisherigen Überzeugungen infrage stellen.


Lesen ist deshalb nicht nur die Aufnahme von Informationen. Es ist auch eine Übung in geistiger Unabhängigkeit.


Und genau diese Fähigkeit gewinnt im Zeitalter künstlicher Intelligenz an Bedeutung.



Die Bücher als Gegengewicht


In Zeiten zunehmend polarisierter Debatten erhalten Bücher eine weitere gesellschaftliche Funktion.


Sebastian Guggolz beschrieb sie auf der Pressekonferenz als ein Gegengewicht zu den Lautsprechern unserer Gegenwart und zum wachsenden Bekenntniszwang.


Darin liegt ein bemerkenswerter Gedanke.


Unsere öffentliche Kommunikation folgt immer häufiger den Regeln digitaler Plattformen. Aufmerksamkeit wird zur Währung. Zuspitzung erzeugt Reichweite. Komplexität lässt sich dagegen nur schwer in wenigen Sekunden vermitteln.


Wer differenziert, riskiert, überhört zu werden. Wer innehält, verliert möglicherweise die Aufmerksamkeit. Wer seine Meinung noch nicht abschließend gebildet hat, gerät unter Rechtfertigungsdruck.


Bücher funktionieren anders.


Sie müssen nicht mit jeder Seite eine neue Empörung erzeugen. Sie dürfen Fragen offenlassen, Widersprüche aushalten und ihren Leserinnen und Lesern Zeit zum Nachdenken geben.


Das macht sie nicht automatisch wahrhaftiger. Auch Bücher können irren, manipulieren oder Vorurteile verbreiten. Ihre besondere Stärke liegt vielmehr in der Möglichkeit, Gedanken ausführlich zu entwickeln und einer kritischen Auseinandersetzung zugänglich zu machen.


Eine offene Gesellschaft braucht solche Räume.


Nicht, weil Menschen dort immer einer Meinung wären. Sondern gerade weil sie es nicht sind.



Wer entscheidet, welche Geschichten erzählt werden?


Juergen Boos, der die Frankfurter Buchmesse nach 21 Jahren als Direktor verlässt, setzte auf der Pressekonferenz einen weiteren Schwerpunkt: die Publikationsfreiheit.


Dahinter steht eine Frage, die im technologischen Wandel besondere Bedeutung erhält.


Wer kann veröffentlichen? Wer wird gehört? Welche Perspektiven werden sichtbar – und welche verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung?


Publikationsfreiheit ist weit mehr als die Abwesenheit staatlicher Zensur.


Sie braucht auch wirtschaftliche und strukturelle Voraussetzungen. Unabhängige Verlage müssen arbeiten können. Autorinnen und Autoren benötigen Möglichkeiten, ihre Werke zu veröffentlichen. Unterschiedliche Stimmen brauchen Zugang zur Öffentlichkeit.


Diese Voraussetzungen sind keineswegs selbstverständlich.


Die Buchbranche steht wirtschaftlich unter Druck. Konsumzurückhaltung, steigende Kosten und bürokratische Anforderungen belasten insbesondere kleinere Unternehmen. Zugleich verändert künstliche Intelligenz die Bedingungen, unter denen Inhalte entstehen, verbreitet und wirtschaftlich genutzt werden.


Damit berühren sich kulturelle Freiheit und ökonomische Realität.


Denn die Vielfalt der veröffentlichten Stimmen hängt auch davon ab, ob diejenigen, die Bücher schreiben, gestalten, verlegen und verbreiten, von ihrer Arbeit leben können.


Eine Gesellschaft, die kulturelle Vielfalt schätzt, muss sich deshalb auch für deren wirtschaftliche Grundlagen interessieren.



Die Regeln dürfen nicht allein diejenigen bestimmen, die über die Technologie verfügen


Diese Frage führt unmittelbar zur politischen Verantwortung.


Mit dem zur Buchmesse veröffentlichten Frankfurter Appell fordert der Börsenverein gemeinsam mit zahlreichen Verlagen verbindlichere Regeln für den Umgang mit urheberrechtlich geschützten Werken beim Training generativer KI.


Im Mittelpunkt stehen Transparenz, faire Lizenzierungsmodelle und wirksame Möglichkeiten zur Durchsetzung bestehender Rechte.


Dahinter steht ein grundlegender Interessenkonflikt: Technologische Innovation benötigt Wissen und Daten. Dieses Wissen ist jedoch vielfach das Ergebnis menschlicher Arbeit – von Menschen, die recherchieren, schreiben, forschen, gestalten und publizieren.


Die Frage, unter welchen Bedingungen ihre Werke für kommerzielle KI-Systeme genutzt werden dürfen, ist deshalb keine Nebensache.


Sie berührt die Verteilung wirtschaftlicher Chancen, die Zukunft kreativer Berufe und die Frage, wer über die Nutzung geistiger Leistungen entscheidet.


Natürlich braucht Innovation Freiräume. Nicht jede neue Technologie lässt sich mit den Regeln einer vergangenen Epoche sinnvoll gestalten.


Aber ebenso wenig darf aus technologischer Leistungsfähigkeit ein Anspruch auf unbegrenzten Zugriff entstehen.


Die Möglichkeit, etwas technisch zu tun, ersetzt weder die Frage nach seiner Rechtmäßigkeit noch nach seiner gesellschaftlichen Verantwortung.


Die Politik muss dafür Rahmenbedingungen schaffen. Nicht, indem sie jede technologische Entwicklung vorzeichnet, sondern indem sie nachvollziehbare Regeln setzt, Rechte schützt und gesellschaftliche Gestaltungsspielräume offenhält.


Die Zukunft der künstlichen Intelligenz ist zu wichtig, um sie allein den Unternehmen zu überlassen, die ihre Systeme entwickeln und betreiben.



Eine neue Unabhängigkeitserklärung


Was also folgt aus den Fragen, die Jill Lepore in Frankfurt gestellt hat?


Sicherlich kein Rückzug aus der digitalen Welt.


Künstliche Intelligenz kann Forschung beschleunigen, Menschen beim Lernen unterstützen, Barrieren überwinden und kreatives Arbeiten bereichern. Ihre Möglichkeiten grundsätzlich abzulehnen, wäre ebenso wenig überzeugend wie die Vorstellung, sie werde unsere gesellschaftlichen Probleme schon von selbst lösen.


Entscheidend ist, welche Rolle wir ihr zugestehen.


Wir können Maschinen nutzen, um Informationen schneller zu finden. Aber wir müssen weiterhin beurteilen können, ob diese Informationen richtig sind.


Wir können uns beim Schreiben unterstützen lassen. Aber wir sollten wissen, welche Gedanken wir tatsächlich vertreten.


Wir können Vorschläge für Entscheidungen einholen. Aber die Verantwortung für diese Entscheidungen lässt sich nicht einfach auf ein technisches System übertragen.


Es geht um einen Unterschied, der in der Begeisterung über immer leistungsfähigere Technologien leicht übersehen wird:


Unterstützung ist nicht dasselbe wie Selbstbestimmung. Und Bequemlichkeit ist nicht dasselbe wie Freiheit.


Eine neue Unabhängigkeitserklärung beginnt deshalb nicht erst in Parlamenten oder bei internationalen Technologiekonferenzen.


Sie beginnt in Klassenzimmern, in Bibliotheken und Buchhandlungen. In Redaktionen, Unternehmen und Hochschulen. Überall dort, wo Menschen lernen, Fragen zu stellen, Informationen zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden.


Sie beginnt auch in unserem persönlichen Umgang mit künstlicher Intelligenz.


Nutzen wir sie, um unsere Möglichkeiten zu erweitern? Oder gewöhnen wir uns allmählich daran, uns das eigene Nachdenken abzunehmen?


Die Antwort darauf wird nicht allein von der Leistungsfähigkeit künftiger Maschinen abhängen.


Sondern auch davon, welche Fähigkeiten wir selbst bewahren, entwickeln und an nachfolgende Generationen weitergeben.


250 Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erinnert uns Jill Lepore daran, dass Freiheit mehr ist als ein politisches Versprechen.


Sie setzt Menschen voraus, die bereit und in der Lage sind, selbst zu denken.


Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung unserer Zeit:

Nicht darin, Maschinen das Denken beizubringen. Sondern darin, selbst nicht damit aufzuhören.


Ein Essay im Blog der Schaukelstuhlmomente | Menschen, Macher, Wirtschaft, Regionen


Grundlage: Eröffnungspressekonferenz der Frankfurter Buchmesse vom 6. Oktober 2026, eigene Mitschnitte sowie Veröffentlichungen der Frankfurter Buchmesse und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.



Ein Essay von Katja Peteratzinger


Über die Autorin:

Katja Peteratzinger ist Unternehmerin, Publizistin, Kommunikationsstrategin und Treibende Kraft hinter der Initiative Powerregionen. Sie porträtiert Menschen, hinterfragt gesellschaftliche Entwicklungen und beschäftigt sich mit der Frage, wie aus Ideen Veränderung wird. Unabhängiges Denken und neue Perspektiven prägen ihre Arbeit.

Kontakt:

Hof Gnadenthal 3, 65597 Hünfelden, Tel.: (06438) 9 10 97





 
 
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