Der blinde Fleck der Innovationsförderung
Wir investieren in Forschung, Start-ups und neue Technologien. Doch übersehen wir dabei eine der wichtigsten Voraussetzungen für Innovation?
Was, wenn wir bei der Suche nach Innovation an der falschen Stelle anfangen?
Wir bauen Innovationszentren. Fördern Start-ups. Investieren in Forschung, Technologietransfer und Gründungsprogramme. Wir schaffen Netzwerke, organisieren Wettbewerbe und entwickeln immer neue Förderinstrumente.
Doch bei all dem bleibt eine grundlegende Frage erstaunlich selten im Mittelpunkt:

Wer erkennt eigentlich die Chancen, von denen heute noch niemand weiß, dass es sie gibt?
Denn unsere Innovationsökosysteme sind vielfach darauf ausgerichtet, vorhandene Ideen zu entwickeln, Technologien in die Anwendung zu bringen und vielversprechende Vorhaben zu unterstützen.
Aber was ist mit dem wirtschaftlichen Potenzial, das noch gar nicht als konkrete Idee sichtbar geworden ist? Mit Möglichkeiten, die sich aus längst vorhandenem Wissen ergeben könnten, bislang jedoch niemand erkannt hat?
Vielleicht liegt eine der größten ungenutzten Innovationsressourcen weder in einem Forschungslabor noch in einem Förderprogramm.
Sondern in unserer Fähigkeit, etwas zu sehen, das anderen verborgen bleibt.
Das wäre mehr als eine interessante Ergänzung bestehender Innovationsstrategien. Es könnte einen Perspektivwechsel bedeuten: weg von der ausschließlichen Frage, wie wir Innovationen ermöglichen, hin zu der ebenso fundamentalen Frage, wie wir bislang unerkannte Innovationschancen überhaupt sichtbar machen.
Die Wissenschaft beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit einem Teil dieses Phänomens. In der Entrepreneurship-Forschung trägt es einen Namen: Opportunity Recognition.
Und möglicherweise ist es an der Zeit, seine Bedeutung weit über die einzelne Unternehmensgründung hinauszudenken.
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Innovationsökosysteme.
Die unsichtbare Seite der Wertschöpfung
Stellen wir uns eine wirtschaftlich erfolgreiche Region vor.
Ein mittelständisches Unternehmen verfügt über hoch spezialisiertes technologisches Wissen. Ein Handwerksbetrieb begegnet seit Jahren einem Problem, für das es keine überzeugende Lösung gibt. Eine Hochschule forscht an einem Verfahren, dessen Anwendungsmöglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft sind.
Alle drei arbeiten in ihren jeweiligen Bereichen. Sie investieren, entwickeln, verbessern.
Und dennoch könnte eine wirtschaftlich bedeutende Chance unentdeckt bleiben.
Nicht weil es an Kompetenz mangelt. Nicht weil niemand innovativ sein möchte. Sondern weil die Beteiligten noch keinen Zusammenhang zwischen ihrem Wissen erkannt haben.
Was wäre, wenn genau an dieser Stelle etwas Neues entstehen könnte?
Ein Produkt. Eine Dienstleistung. Ein Geschäftsmodell. Vielleicht sogar die Grundlage für einen neuen Wirtschaftszweig.
Das Beispiel ist hypothetisch. Doch es verdeutlicht einen Mechanismus, der in der Entrepreneurship-Forschung seit Langem untersucht wird.
Innovation beginnt nicht zwangsläufig mit einer neuen Erfindung. Manchmal beginnt sie mit einer neuen Verbindung zwischen Dingen, die längst existieren.
Das klingt einfach. Seine wirtschaftlichen Konsequenzen könnten erheblich sein.
Warum manche Menschen Möglichkeiten sehen, die andere übersehen
Bereits im Jahr 2000 untersuchte der Wirtschaftswissenschaftler Scott Shane, warum unterschiedliche Unternehmer aus derselben technologischen Erfindung verschiedene Geschäftsmöglichkeiten ableiten.
Für seine in der Fachzeitschrift Organization Science veröffentlichte Studie analysierte er acht Gruppen von Unternehmern, die eine Erfindung des Massachusetts Institute of Technology wirtschaftlich nutzten.
Seine Erkenntnis: Welche unternehmerischen Möglichkeiten Menschen entdecken, hängt wesentlich von ihrem bereits vorhandenen Wissen ab.
Mit anderen Worten: Nicht jeder erkennt in derselben Information dieselbe Chance.
Unsere Erfahrungen, unsere Branchenkenntnisse und unsere bisherigen Berührungspunkte mit Problemen und Lösungen beeinflussen, welche wirtschaftlichen Möglichkeiten für uns überhaupt sichtbar werden.
Das verändert den Blick auf unternehmerische Kreativität.
Denn Innovation erscheint damit nicht allein als Ergebnis außergewöhnlicher Erfindungsgabe. Sie kann ebenso aus der Fähigkeit entstehen, vorhandenes Wissen in einen bislang nicht erkannten Zusammenhang zu bringen.
Der Managementforscher Robert A. Baron beschrieb diesen Vorgang 2006 als Pattern Recognition – das Erkennen bedeutungsvoller Muster.
Sein Ansatz: Unternehmer können Verbindungen zwischen scheinbar unabhängigen Entwicklungen wahrnehmen. Zwischen technologischen Veränderungen, neuen gesellschaftlichen Bedürfnissen, Marktbewegungen oder politischen Entscheidungen.
Aus diesen Verbindungen können Vorstellungen von Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen entstehen, die zuvor nicht offensichtlich waren.
Baron brachte diesen gedanklichen Vorgang auf ein einprägsames Bild:
Connect the Dots. Die Punkte miteinander verbinden.
Dahinter steckt mehr als ein kreativer Geistesblitz. Es geht um die Fähigkeit, aus komplexen Informationen wirtschaftlich relevante Muster abzuleiten.

Und um eine Frage, die weit über die individuelle Begabung einzelner Unternehmer hinausführt.
Was, wenn wir Innovation von der anderen Seite denken?
Unsere Vorstellung von Innovationsförderung folgt häufig einer nachvollziehbaren Logik.
Wir unterstützen Forschung, aus der neue Erkenntnisse entstehen. Wir fördern Technologien, deren wirtschaftliche Anwendung entwickelt werden soll. Wir begleiten Gründungen, deren Geschäftsmodelle bereits erste Konturen besitzen.
Damit beginnen viele Förderprozesse an einem Punkt, an dem ein Innovationsvorhaben zumindest grundsätzlich erkennbar geworden ist.
Doch was geschieht davor?
Wie entsteht überhaupt die Erkenntnis, dass eine bestimmte Kombination aus Wissen, Erfahrungen, Bedürfnissen und technologischen Möglichkeiten wirtschaftlich interessant sein könnte?
Wer stellt die Frage, welche bisher voneinander getrennten Kompetenzen gemeinsam etwas hervorbringen könnten, das keiner der Beteiligten allein für möglich gehalten hätte?
Und vor allem: Wie viele wirtschaftliche Chancen bleiben unentdeckt, weil niemand diese Fragen stellt?
Hier könnte ein Perspektivwechsel beginnen.
Nicht nur von bestehenden Innovationsideen ausgehen. Sondern stärker danach fragen, unter welchen Bedingungen neue Innovationsmöglichkeiten überhaupt erkannt werden.
Nicht allein die Umsetzung einer Idee betrachten. Sondern auch ihre Entstehung als eigenständige wirtschaftliche und wissenschaftliche Herausforderung begreifen.
Dabei geht es keineswegs darum, die bisherige Innovationsforschung neu zu erfinden.
Auch in der europäischen Regionalpolitik existiert mit dem Entrepreneurial Discovery Process im Rahmen der Smart-Specialisation-Strategien bereits ein Ansatz, der die Entdeckung regionaler Entwicklungspotenziale ausdrücklich berücksichtigt.
Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Denn zwischen dem Wissen darüber, dass solche Entdeckungsprozesse wichtig sind, und ihrer tatsächlichen Wirksamkeit in Unternehmen und Regionen liegt eine anspruchsvolle Aufgabe.
Entscheidend ist nicht nur, ob ein Innovationsökosystem Wissen erzeugt und Akteure miteinander verbindet. Sondern auch, welche neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten dadurch tatsächlich erkannt werden.

Die Region als unentdeckter Möglichkeitsraum
Gerade für unsere Regionen eröffnet diese Perspektive interessante Fragen.
Deutschland verfügt über eine vielfältige mittelständische Wirtschaftsstruktur. Über spezialisierte Unternehmen, traditionsreiche Familienbetriebe, leistungsfähiges Handwerk, wissenschaftliche Einrichtungen und Menschen mit jahrzehntelangem Erfahrungswissen.
Vieles davon ist regional verwurzelt.
Doch vorhandene Kompetenz ist nicht automatisch sichtbares Innovationspotenzial.
Das Wissen eines Maschinenbauers kann für eine völlig andere Branche relevant sein. Die Alltagserfahrung eines Pflegeunternehmens kann auf einen Bedarf hinweisen, den ein Technologieentwickler noch gar nicht kennt. Eine Lösung aus dem Handwerk kann Anwendungsmöglichkeiten besitzen, die weit über ihren ursprünglichen Zweck hinausreichen.
Das wirtschaftliche Potenzial liegt dann nicht allein in den einzelnen Unternehmen.
Es könnte auch in den bislang unerkannten Verbindungen zwischen ihnen liegen.
Damit verändert sich die Perspektive auf regionale Wertschöpfung.
Eine Region wäre nicht mehr nur Standort von Unternehmen, Arbeitsplätzen und Investitionen.
Sie ließe sich ebenso als Möglichkeitsraum betrachten, dessen wirtschaftliches Potenzial noch längst nicht vollständig sichtbar ist.
Das ist eine andere Ausgangsfrage für Regionalentwicklung.
Nicht nur: Welche Branchen haben wir? Welche Unternehmen wollen wir ansiedeln? Welche Fördermittel stehen zur Verfügung?
Sondern auch: Welche wirtschaftlichen Möglichkeiten könnten sich aus dem ergeben, was bereits vorhanden ist?
Erkennen allein genügt nicht
So faszinierend dieser Gedanke ist: Eine erkannte Chance ist noch keine erfolgreiche Innovation.
Die Entrepreneurship-Forscher Alexander Ardichvili, Richard Cardozo und Sourav Ray beschrieben bereits 2003, dass die Identifikation unternehmerischer Gelegenheiten mit ihrer Entwicklung und Bewertung zusammenhängt.
Eine interessante Verbindung zwischen vorhandenen Kompetenzen garantiert weder eine tatsächliche Nachfrage noch ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Es braucht Menschen, die eine Möglichkeit aufgreifen. Unternehmen, die Ressourcen einsetzen. Partner, die zusammenarbeiten. Und eine kritische Prüfung, ob aus einer Idee wirtschaftlicher Nutzen entstehen kann.
Auch das Erkennen von Chancen ist keineswegs frei von Irrtümern. Nicht jedes vermeintliche Muster erweist sich als tragfähig.
Gerade diese Unterscheidung ist entscheidend.
Denn wenn Opportunity Recognition mehr sein soll als ein faszinierendes Konzept, müssen sich daraus überprüfbare Fragen ableiten lassen.
Welche Bedingungen begünstigen das Erkennen wirtschaftlicher Chancen?
Welche Rolle spielen unterschiedliche Wissensbestände, Erfahrung und interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Und lässt sich nachweisen, dass daraus tatsächlich neue, wirtschaftlich tragfähige Aktivitäten entstehen?
Hier berühren sich Entrepreneurship-Forschung, Innovationsmanagement und Regionalökonomie.
Und hier könnte die Frage nach dem Ursprung einer Innovation genauso interessant werden wie die nach ihrem späteren Erfolg.
Brauchen wir andere Fragen, um bessere Antworten zu finden?
Deutschland diskutiert intensiv über Innovationsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Strukturwandel.
Wir beschäftigen uns mit Forschungsausgaben, Gründungsdynamik, Technologietransfer, Fachkräftemangel und den Bedingungen für unternehmerisches Wachstum.
All das ist notwendig.
Aber möglicherweise fehlt uns in dieser Diskussion eine zusätzliche Perspektive.
Wie viel wirtschaftliches Potenzial bleibt ungenutzt, weil vorhandenes Wissen nicht auf die richtigen Fragen trifft?
Welche Ideen entstehen gar nicht erst, weil Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen einander nie begegnen?
Und welche Möglichkeiten liegen längst vor uns, ohne dass wir sie als solche erkennen?
Es wäre vermessen, darauf bereits eine abschließende Antwort zu geben.
Aber es wäre ebenso kurzsichtig, diese Fragen nicht ernsthaft zu untersuchen.
Denn Innovation ist mehr als die Entwicklung neuer Technologien. Sie ist auch die Entdeckung neuer Möglichkeiten, aus Wissen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen zu schaffen.
Vielleicht brauchen unsere Innovationssysteme deshalb nicht nur bessere Antworten. Vielleicht müssen wir ihnen zunächst andere Fragen stellen.
Und vielleicht beginnt der nächste große Fortschritt nicht mit etwas, das wir noch erfinden müssen.
Sondern mit etwas, das wir längst vor Augen haben.
Wir haben nur noch nicht erkannt, was daraus werden könnte.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
Shane, Scott (2000): Prior Knowledge and the Discovery of Entrepreneurial Opportunities. Organization Science, 11(4), 448–469, https://doi.org/10.1287/orsc.11.4.448.14602
Baron, Robert A. (2006): Opportunity Recognition as Pattern Recognition: How Entrepreneurs “Connect the Dots” to Identify New Business Opportunities. Academy of Management Perspectives, 20(1), 104–119, https://doi.org/10.5465/amp.2006.19873412
Ardichvili, Alexander; Cardozo, Richard; Ray, Sourav (2003): A Theory of Entrepreneurial Opportunity Identification and Development. Journal of Business Venturing, 18(1), 105–123, https://doi.org/10.1016/S0883-9026(01)00068-4
Perianez Forte, Inmaculada; Wilson, James (2021): Assessing Smart Specialisation: The Entrepreneurial Discovery Process. European Commission, Joint Research Centre,
Autorin:
Katja Peteratzinger ist internationale Dipl.-Betriebswirtin (FH), Unternehmerin, Marketing-, Medien- und PR-Expertin, Publizistin und strategische Beraterin für Unternehmen und Regionen. Sie beschäftigt sich aktuell mit Innovationsfähigkeit, unternehmerischen Potenzialen und ihrer regionalen Wertschöpfung und sie ist die treibende Kraft hinter der Initiative Powerregionen.



